Interview > Führerschein statt Rasseliste?

my-pet REDAKTION , 25/06/2012 00:00

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Im Fachblatt DER FAMILIENHUND des BHV (Berufsverband der Hundeerzieher/innen und Verhaltensberater/innen) erschien umlängt ein Interview mit Dr. Madeleine Martin. Frau Martin ist seit 1992 Landestierschutzbeauftragte in Hessen und hat eine ganz klare Meinung zu Hundegesetzen, zum Führerschein für Hundehalter und zu kleinen Wadenbeissern.
Ihren ersten Hund hatte sie im Alter von acht Jahren, danach folgten weitere Vierbeiner: Meist waren es größere Hunde, häufig Mischlinge. Aktuell wohnen bei Madeleine Martin ein „zu groß geratener“ Sheltie und eine Mischung aus Havanese und Yorkshire-Terrier. Die promovierte Tierärztin und zweifache Mutter weiß, dass ein Hund ein eigenes Wesen mit ganz hundetypischen Verhaltensweisen ist. Wer Hunde hält, muss wissen, worauf er sich einlässt und was bestimmte Reaktionen bedeuten. Seit genau 20 Jahren ist die 52-Jährige nun schon Landestierschutzbeauftragte in Hessen. Seit dem tragischen Beißvorfall in Hamburg, bei dem im Jahr 2000 ein Sechsjähriger ums Leben kam, engagiert sich die gebürtige Karlsruherin vehement für die Einführung des so genannten Hundeführerscheins. Marcel Gäding sprach mit der Landestierschutzbeauftragten über vorbildliche Hundehalter, verängstige Politiker und unsinnige Rasselisten.
Niedersachsen führt den Hundeführerschein ein, in Hessen wird gerade heiß diskutiert, und auch Berlin will Hundehalter auf die Schulbank setzen, bevor diese sich einen Hund anschaffen können. Es scheint, als gehörten die Hundegesetze und -verordnungen mit ihren fragwürdigen Rasselisten der Vergangenheit an. 

Frau Dr. Martin, Sie selbst besitzen seit ihrem achten Lebensjahr Hunde. Verraten Sie uns doch bitte mal, was einen guten Hundehalter ausmacht!

Dr. Madeleine Martin: Ein guter Hundehalter informiert sich vor der Anschaffung des Tieres gründlich. Und das nicht nur über Bücher. Wer beispielsweise mit dem Gedanken spielt, sich einen Hund einer bestimmten Rasse anzuschaffen, der sollte zuvor ganz realistisch prüfen, ob diese Hunderasse auch ins eigene Leben passt. Wenn jemand aber keine Ahnung von Hunden hat, dann sollte er auch keinen Hund halten. Das Problem ist doch aber, dass man heutzutage gar nicht mehr das Haus verlassen muss, um einen Hund zu kaufen. Das Internet hat den Handel mit den Tieren beschleunigt. Jeder kann einen Hund erwerben, ohne dafür Voraussetzungen nachweisen zu müssen. Ich finde aber, dass wir Hundehalter in die Pflicht nehmen müssen! Und das unabhängig davon, um welche Rasse es sich handelt. Die Hundegesetze und -verordnungen der Länder definieren ja ganz unterschiedlich, welche Rasse de facto als gefährlich einzustufen ist. Das ist aber unsinnig. Jeder Hundehalter muss in der Lage sein seinen Hund so zu halten, dass das Tier hundegerecht gehalten wird und niemanden belästigt. Deshalb: Die Rasseliste muss weg. Ganz einfach! Ich wünschte mir auch, dass auch kleinere Hunde besser erzogen wären – gerade wer Erfahrung z. B. mit Jack Russell Terrier oder Jagdterrier hat, der weiß, dass auch kleinere Hunde eine konsequente Erziehung brauchen. 

Das müssen Sie uns näher erklären.

Dr. Madeleine Martin: Meine Kinder und ich hatten mal eine Begegnung mit einem jungen Appenzeller. Der sprang im Spiel, voller Begeisterung, erst ein Kind an und dann das andere. Beide, damals gerade dreijährig, wurden umgerissen. Bis auf eine Schramme durch einen Sturz ist zum Glück nichts passiert. Aber auch dieses Beispiel zeigt mir deutlich: Viele Hundebesitzer haben ihre Tiere nicht unter Kontrolle beziehungsweise wissen nicht, wie sie in bestimmten Situationen reagieren sollen - das liegt daran, dass sie ihre Hunde schlichtweg nicht kennen und es grundsätzlich an Wissen über den Hund fehlt. In meiner Zeit als Amtstierärztin wurde ich mit Fällen konfrontiert, bei denen mich Hundehalter baten, ein Tier einzuschläfern, weil es die eigenen Kinder gebissen hat. Begründet wurde dies damit, dass der Hund vermutlich an Tollwut erkrankt sei. Tatsächlich stellte sich aber heraus, dass die Kinder dem Futternapf oder dem Spielzeug des Hundes zu nahe kamen. Dass das Reaktionen im Hund auslöst, weiß man nur, wenn man Hunde kennt.

Niedersachsen führt den Hundeführerschein ein, in Hessen wird gerade heiß diskutiert, und auch Berlin will Hundehalter auf die Schulbank setzen, bevor diese sich einen Hund anschaffen können. Es scheint, als gehörten die Hundegesetze und -verordnungen mit ihren fragwürdigen Rasselisten der Vergangenheit an. Das muss Sie doch freuen.

Dr. Madeleine Martin: In der Tat, denn ein Teil der Politik hat begriffen, dass die alten gesetzlichen Regelungen zum Halten und Führen von Hunden nicht mehr haltbar sind. Die niedersächsische Landesregierung versteht offenbar, dass man alle Beißvorfälle hinterfragen muss und sich auch mit der Frage beschäftigt, welche Gefahr von Hunden in Familien ausgehen kann, die sich nicht mit Hunden auskennen. Der Hundeführerschein - also die praktische und theoretische Prüfung von Hundehaltern - ist grundlegend notwendig. Wer da mit Persönlichkeitsrechten argumentiert, liegt falsch: Warum soll ich das Persönlichkeitsrecht haben, einen Hund zu besitzen, ohne etwas über ihn und sein Verhalten zu wissen? Gerade auch vor dem Hintergrund, dass wir 2012 auf zehn Jahre Tierschutz im Grundgesetz zurückblicken, sage ich, dass ein Tier das Recht hat, dass wir seine Verhaltensweisen kennen.

Offensichtlich hat die Politik in den Ländern dazugelernt.

Dr. Madeleine Martin: Könnte man meinen! Aber: Die Politik ist so lange auf unserer Seite, bis wieder etwas passiert. Schauen Sie mal nach Thüringen - dort hat ein einziger Vorfall dafür gesorgt, dass das seinerzeit einzige Bundesland ohne Rasseliste nunmehr ein Hundegesetz bekommen soll, das eine Rasseliste enthält. Doch eine Rasseliste tritt den Tierschutz mit Füßen und wird der öffentlichen Sicherheit nicht gerecht.

Wie geht die Diskussion in den Bundesländern weiter?

Dr. Madeleine Martin: Vieles hängt jetzt von Niedersachsen ab. Dorthin richten sich jetzt die Blicke, um zu sehen, wie das mit dem Hundeführerschein funktionieren kann. Es sind ja noch etliche Fragen offen. Und wir müssen uns darauf einrichten, dass noch viele Diskussionen etwa um Ausnahmeregelungen geführt werden. 

Um Hundehalter auf Herz und Nieren zu prüfen, muss es Stellen geben, die für den Hundeführerschein schulen und ihn auch abnehmen. Wo sehen Sie da die Interessenvertretungen wie den Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater e. V.?

Dr. Madeleine Martin: Die Bundesländer werden, wenn sie den Hundeführerschein einführen, Kriterien entwickeln, die verbindlich sind. Das kennen wir aus anderen Bereichen und das hat sich auch bewährt. Dann werden die Länder schauen, welche Organisationen und Verbände die Voraussetzungen erfüllen. Ich bin mir sicher, dass das nicht nur die tierärztlichen Institutionen sein werden. Frau Dr. Martin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

© DER FAMILIENHUND / BHV

ÜBER DEN BERUFSVERBAND DER HUNDEERZIEHER UND VERHALTENSBERATER e.V. (BHV):

Der Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater e.V. (BHV) vertritt die Interessen von 700 Mitgliedern und mehr als 200 Hundeschulen in der Bundesrepublik Deutschland. Er wurde 1996 mit dem Ziel gegründet, Hundeerzieher und Verhaltensberater weiterzubilden, ein bundeseinheitliches Berufsbild zu schaffen und für den Einsatz von tierschutz- und artgerechten Methoden bei Zucht, Ausbildung, Aufzucht, Erziehung und Haltung von Hunden zu werben. Seit 2007 bietet der BHV gemeinsam mit der IHK Potsdam einen IHK-Zertifikatslehrgang für Hundeerzieher und Verhaltensberater an. Gleichzeitig unterstützt der BHV die IHK Potsdam bei der IHK-Aufstiegsfortbildung zum Hundefachwirt. Informationen: http://www.hundeschulen.de

 


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